Rückwärtsfahren erst einmal weiterhin möglich

Montag 19. Juni 2017

Straßenkataster erstellt – jede Stelle wird geprüft
Die Entsorgungsbetriebe dürfen grundsätzlich weiterhin mit dem Müllwagen rückwärts fahren. Dazu müssen allerdings jeweils Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Die EBE wird sich in nächster Zeit zudem sämtliche Straßen genau anschauen, in denen der Rückwärtsgang derzeit eingelegt wird. Das aufwändige Vorhaben wird sich weit ins nächste Jahr erstrecken.

Die meisten Straßen in Essen, in denen die Müllabfuhr zurzeit rückwärts fährt, sind in einem Kataster erfasst. Es sind überraschend viele: 680 Abschnitte in knapp 500 Straßen (Essen hat ca. 3.500 Straßen) kamen zusammen. Sie werden nun nach und nach alle aufwändig gesichtet, nach gesetzlichen Kriterien kategorisiert und anhand einer Checkliste bewertet. Ein Ampelsystem ordnet sie jeweils ein: „grün“ für vertretbare Stellen, „gelb“ erfordert erweiterte Sicherheitsmaßnahmen, z. B. Einweiser. Schließlich gibt es „rot“ für nicht mehr vertretbar, also „Rückwärtsfahr-Verbot“. An solchen Stellen müssten künftig andere Lösungen gefunden werden.

Die Aspekte zur Bewertung sind vielfältig: bauliche Gegebenheiten von Straße und Häusern, Verkehrs- und Parksituation, Standplätze der Tonnen. Es muss auch unterschieden werden zwischen den Standardfahrzeugen (große Dreiachser) und kleineren Spezialwagen (Zweiachser, Engstellen-Fahrzeug). Darum wird jede Betrachtung ein Einzelfall sein, pauschale Bewertungen sind nicht möglich. Die EBE betreibt den Kategorisierungs-Prozess fortlaufend und rechnet mit einer längeren Bearbeitungsphase bis etwa Mitte 2018.


Der Hintergrund
Die neue Branchenregel „Abfallsammlung“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) hatte im letzten Jahr für reichlich Aufregung gesorgt. Das schon lange geltende Verbot des Rückwärtsfahrens von Abfallsammelfahrzeugen sollte den gesetzlichen Rahmen näher an die Praxis rücken. Ein konsequentes Verbot des Rückwärtsfahrens in eng bebauten Vierteln und kleinen Straßen mit hohem Parkdruck hätte vielerorts zu erheblichen Änderungen in der Abfallsammlung geführt: Sehr viele Bürger hätten ihre Tonnen vielleicht zu Sammelpunkten rollen müssen. Eine größere Anzahl herumstehender Tonnen wirkt aber in dicht besiedelten Gebieten wiederum selbst als Hindernis.

Nach intensiven Diskussionen haben sich die Unfallversicherungsträger, die Entsorgungswirtschaft und die Gewerkschaft ver.di auf einen Konsens geeinigt. Danach sollen die Touren soweit wie möglich ohne Rückwärtsfahren geplant werden. Es müssen andere Möglichkeiten ausgeschöpft werden, wie z. B. andere Streckenführung der Tour oder bauliche Veränderungen der Standplätze vor Ort. Rückwärtsfahren bleibt zulässig, wenn die gesetzlichen Vorgaben erfüllt werden. Diese sind u. a.:
– Gefährdungsbeurteilung für jeden Mitarbeiter: Sie legt Schutzmaßnahmen im Moment des Rückwärtsfahrens fest, z. B. Einweiser, aber auch nötige Seitenabstände oder Kurvenradius. Sie führt auch auf, über welche Kenntnisse und Unterweisungen er verfügen muss.
– ein Kollege als Einweiser
– Erfassen und Bewerten der Streckenabschnitte, die rückwärts gefahren werden
– aktives Sicherheitsassistenz-System (z. B. echte Kamera, Sensoren, Brems-Assistent) am Müllfahrzeug

Dennoch: Beim Rückwärtsfahren bleiben erhebliche Gefahren für Mitarbeiter am Fahrzeug und Passanten. Immer wieder geschehen unbeabsichtigt schwerste Unfälle, die teilweise tödlich enden, weil Fahrer den Bereich hinter dem Fahrzeug nur unzureichend einsehen können.